24. Mai 2020
Die Frage, die sich mir derzeit stellt ist: Werden wir / wie werden wir das Virus kultivieren können? Und zwar auf eine Art und Weise, die uns nicht der Einsichten und Haltungen beraubt, die wir ohnehin schon so hart gegen neue Autoritarismen, Machismen, Rassismen verteidigen können. Ich möchte keine neue österreichpatriotische shopping-Normalität sondern lieber reduzierte Flugpläne und eine konkret gedacht globale Solidarität. Neuspationierung darf nicht Kontaktverlust heißen, es braucht, wie die australische, feministische Kulturwissenschaftlerin Zoë Sofoulis es nennt „Coves“, Gemeinschaften der kritischen Koviralität.

Karin Harrasser

 

 

 

 

23. Mai 2020
HALTEN SIE ABSTAND, NUR KEINE NÄHE AUFKOMMEN LASSEN, DISTANZ IST GESUND, TRETEN SIE AUS MEINEM BLICKFELD, FREIE SICHT IST ERWÜNSCHT, BLEIBEN SIE IN DECKUNG ODER STRECKEN SIE SEITLICH IHRE ARME AUS, HEBEN SIE EIN BEIN UND VERHARREN SIE IN BALANCE, ATMEN SIE RUHIG WEITER, VERLIEREN SIE NICHT DIE KONTROLLE, ENTSPANNEN SIE SICH, LASSEN SIE SICH INS UNGEWISSE FALLEN, FREUEN SIE SICH BEI ÜBERRASCHUNGEN, BEZIEHEN SIE STELLUNG, NEHMEN SIE NICHT ALLES HIN, VERSUCHEN SIE NEUES, ÜBERSPRINGEN SIE GRÄBEN, ÜBERSTEHEN SIE KRISEN, SCHAUEN SIE VORWÄRTS, HELFEN SIE SICH SELBST UND ANDEREN, ZEIGEN SIE HALTUNG

Meina Schellander

 

 

 

 

22. Mai 2020

Einige haben schon bemerkt, dass die aktuelle Covid-19 Krise in direktem Zusammenhang mit unserer Beziehung zu Tieren steht. Menschen haben einfach bei Fledermäusen und Schuppentieren nichts zu suchen. Und die Viehindustrie der westlichen Länder verursacht ebenfalls Krisen, die noch tödlicher sind (Antibiotikaresistenzen verursachen 700.000 Tote jährlich). Veganismus ist eine Lösung für unsere Gesundheit, aber auch für die Umwelt und wäre natürlich auch aus ethischen Gründen geboten.

Die Künstler_innen Ute Hörner und Mathias Antlfinger haben seit 2014 mit dem Projekt "CMUK" ein interspecies collective gegründet, in dem Graupapageien und Menschen zusammen kreativ sind. Die beiden werden sich in einer kommenden Depot-Veranstaltung mit Jérôme Segal unterhalten.

Jérôme Segal

 

 

 


21. Mai 2020

Wir können auf Basis der vom Gesundheitsministerium bereitgestellten Zahlen davon ausgehen, dass Menschen mittleren Alters den Hauptteil der Überträger*innen des Covid-19 Virus ausmachen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum Kindergärten, Schulen und Universitäten die längste Zeit geschlossen bleiben. Es ist verwunderlich, dass am Beginn des Hochfahrens unseres Landes die Wiedereröffnung von Baumärkten oder das Erlauben der Ausübung diverser Sportarten, wie etwa Segelfliegen und Golf spielen stand. Wollte man polemisch sein, ließe sich mutmaßen, dass die türkis-grüne Regierung einfach eine Liste an Freizeitaktivitäten, die gerne von Männern* mittleren Alters betrieben werden, angelegt und dann gesagt hat: „So, in Baumarkt fahren, Segelfliegen und golfen, das erlauben wir als erstes wieder“. Dieses Gedankenexperiment mag albern klingen, allerdings kann es, wenn man sich ihm öffnet, Aufschluss darüber geben, wem wir selbstverständlicherweise Freizeit und erfüllende Aktivitäten zugestehen und wem nicht.

Chris Kroiß

 

 

 

 

20. Mai 2020

In vielen besser situierten Haushalten steht geerbtes Mobiliar. Ein Sekretär, eine Kommode, ein Gemälde - was immer es ist, repräsentiert es im Raum doch viel mehr als nur sich selbst. Es entwirft eine Tradition derer die hier wohnen, steht stellvertretend für eine generationenübergreifende Familienhistorie. In Kombination mit Fotos, Briefen oder Tagebuchaufzeichnungen bilden solche Gegenstände ein Fenster in die Vergangenheit. Wer durch es hindurchsieht ist nicht länger zufällig in die Welt geworfen: er oder sie ist das letzte Glied einer langen Kette. Dieses Wissen verleiht unaufgeregt Selbstvertrauen und Optimismus. Die weitaus meisten Familien haben kein derartiges Erinnerungsstück. Teures Mobiliar existierte erst gar nicht. Oder es musste in Notzeiten verkauft werden. Ego-Dokumente wurden, so es sie gab, nicht aufbewahrt: was kann das schon sein: die Briefe eines ehemaligen Hausmädchens? Genau das fehlt in der reichen Wiener Museumslandschaft: eine Sammlung, die Aufschluss geben könnte über den Alltag ganz normaler Menschen vor dreißig, siebzig, hundert Jahren. Fenster in die Vergangenheit für alle.

Florian Wenninger

 

 

 

 

19. Mai 2020
Not only does the night enhance and expand the picture, but it also makes all the daily sounds disappear. The bustle of everydayness goes into off mode, it withdraws from the city streets, it becomes just a story which is discussed and comunicated. We can find glimpses of its reflection on bar tables, in vine glasses, in nigth clubs and in evening gatherings. Daily life evaporates, and the shadows of its presence reveal a certain mysteriousness. At night, we talk with our friends, lovers, strangers, about things that make us happy, or things that make us sad. Night is the time of silent conversations.

Excerpt from the text NOCTURNAL VANITY, Batista Anamarija and Ksenija Orelj (eds.), Silent Collocutors, 2016, Museum of Modern Art Rijeka, https://issuu.com/rijekammsu/docs/mmsu_tihi_sugovornici_eng_issuu

Anamarija Batista

 

 

 

 

18. Mai 2020
Krise? Nicht für politische Inszenierungen. In der endlosen Abfolge von Pressekonferenzen, Interviews und Reden werden Management und Leadership beschworen. Österreich unter den Besten! Wir machen es wie die smarten Staaten! Her mit dem Schulterschluss! #teamösterreich! „Rally ‘round the Kanzler“ ist das Motto der Stunde: nicht nur am medialen Boulevard, sondern auch in Umfragen. „Alles richtig gemacht!“ schallt es über die Berge. „Alles?“ kommt als Echo ganz leise zurück.

Petra Bernhardt

 

 

 

 

 

17. Mai 2020
Ein kurzer Gedanke zur Wertediskussion hierzulande: Mit der Einführung des Begriffs der „Systemrelevanz“ und einer verkürzten Diskussion darüber ist zwar zu erkennen, dass der Finanzsektor nach 2008 es nicht mehr ins Ranking schafft. Jedoch fehlt u.a. der Kunst augenscheinlich die nötige Vertretung. Eine Kosten-Nutzen Sicht der Dinge führt dazu, messbare Werte jenen vorzuziehen, die subtil sind und roh – die mäandern, sich verknüpfen und kurvenförmig sich fortbewegen. Wert ist nicht gleich Tauschwert. Und Kunst und Kultur weitaus wertvoller und inspirierender als die Umsätze des Herrn Koons.

Johannes Franz-Figeac

 

 

 

 

16. Mai 2020
Was Leben kostet. Genug gelebt. „Wir retten … Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären … über 80 sterben die meisten irgendwann.“1 Niemand lebt ewig. “Your survival in exchange for keeping the America that all America loves for your children and grandchildren? … if that is the exchange, I'm all in.”2 Hehrer Opfertod für das Vaterland, ein leises Zwitschern der Resistance: #NotDying4WallStreet. Wir zahlen nicht mehr! „Die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“3 Die Zeit ist um. Let’s get back to work!

1 Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen
2
Dan Patrick, Vize-Gouverneur von Texas
3
Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages

Gabriele Michalitsch

 

 

 

15. Mai 2020
Es läuft ein Diskurs über die ‚alte’ Normalität, die angeblich einer ‚neuen’ Normalität weichen wird. Hier kommt nicht nur die verkannte Infrastruktur der ‚weiblichen’ Reproduktionsarbeit für das tägliche Funktionieren ins ‚Spiel’ – die Reduktion des Sozialen auf die Kleinfamilie kam ja nicht zufällig daher. Ist nicht vielmehr der gesellschaftliche Zustand, der „keinen anderen Wert mehr hat als das eigene Überleben“ (Agamben) eben nicht der neue Zustand, sondern der Spiegel der gehabten Konkurrenz? Was als ‚Ausnahme’ deklariert wird, die widerstandslose Aussetzung der ‚civil rights’, die damit verbundene Isolation, war sie nicht off-scene (obzön) bereits da? Allein die ausgerufene ‚größte Katastrophe seit dem letzten Weltkrieg’ ist nicht nur eine (deutsch-österreichische) Anmaßung, sondern entspricht biopolitischem Kalkül. Angst essen Kritik auf und es lebe das WCpapier (als Rettung vor dem Absonderlichen?).

Birge Krondorfer

 

 

 

 


14. Mai 2020
Reconsidering our darlings. Angesichts der vermutlich noch geraume Zeit geltenden Abstandsregeln in Folge von SARS-CoV-2 und der damit einhergehenden Befragung hergebrachter Vorstellungen des Kollektiven scheinen auch weitere populäre Diskurfiguren im Kontext der Gegenwartskunst einer Revision wert: Darunter die Ersetzung von kritischer Distanz durch affektive Nähe, von Gesellschaft durch Gemeinschaften, von Widerstand/ Subversion/ Transgression durch virale Kontamination; so auch die companien species in den Animal Studies, die Kontaktimprovisation in der Performance Art, Techniken der Verkörperung und somatischen Immersion, die (Neu-)Verteilung des Sinnlichen

Sabeth Buchmann

 

 

 

 

13. Mai 2020
Die letzten Wochen verliefen im Zeichen diverser Verbote, Regelungen, Zahlen und Statistiken. Diese wurden uns in täglicher Dosis verabreicht. Während des Kampfs ums ökonomische Überleben stellen sich viele die Frage: „Wie wird es danach?“ Das „Danach“ ist noch nicht eingetroffen, wir befinden uns in einem Wartezimmer, mit all unseren Ängsten, Wahrnehmungen, aber auch Hoffnungen. Pläne machen wir noch keine, aber Träumen ist immerhin noch möglich. Machen wir einen Gebrauch davon und setzen die Ergebnisse in einem Plan um. Es ist Zeit zu handeln!

Vasilena Gangovska

 

 

 

 

 

12. Mai 2020
Sieben acht neun Wochen bürgerliche Hetero-Kleinfamilien-Paarbeziehungs-Normsetzung im österreichischen Krisendiskurs, und so wenig Kritik daran. Vor allem: Wo bleiben die queeren Proteste? Hallo, Akteur*innen bewusst gewählter nicht-normativer Lebensentwürfe, feministische Reproduktions- und queere Eheverweigerer*innen, werte Poly-Konstellationen! Hallo alle, die sich buchstäblich eliminiert fühlen, wenn die „Älteren“ konstant adressiert werden als Oma und Opa mit Enkerln, als wollte keine*r je etwas anderes! Die Politiken, die uns jetzt begegnen, verwerfen differentes Begehren umfassender als zuvor. Lasst zumindest hören, dass dies wütend macht.

Hanna Hacker

 

 

 

 

11. Mai 2020
Von je an haben die Menschen nach Freiheit gestrebt, und auch heute sinnen sie „unter ihrem Weinstock und Dache zu wohnen ohne Zwang.“ Je nach Zeit und Volk begehrte die Freiheit ein anderes Objekt: Bald war es das Eigenthum, einmal die Art der freien Bewegung und der Reise, bald das schriftliche Wort und das Recht es durch die Presse zu berichten.Dieses Streben nach Freiheit ist auch keineswegs verwerflich, vielmehr muss man anerkennen, daß die Freiheit ein kostbarer Besitz und irdisches Glücksgut ist und dass es ein Geschenk von oben ist.
Aber die notwendige und erste Bedingung einer jeden Freiheit ist eine Macht und Gewalt, an welche sie sich lehnt, der sie vertrauend dient. Diese Macht muss selbst frei sein und kann nicht in künstlichen Formen und Kontrollen, sondern nur im gegenseitigen Vertrauen, in der Liebe und Gottesfurcht gefunden werden.
Daher wird bei der natürlichen Ordnung, es einem Monarchen leicht fallen seine Unterthanen zu lieben und ihnen Schutz und Sicherheit zu gewähren, es wird ihm schwer fallen gegen sie hart und ungerecht zu sein.
Ebenso wird es dem Unterthanen leicht sein den Fürsten zu lieben und ihm in allen Rechten zu gehorchen, denn sie freuen sich seiner Macht und seines Glanzes, da sie fühlen, dass diese zu ihrem Schutz und zum Schutz ihrer Freiheit vorhanden sind.
Kurz: Die Bedingung einer jeden Freiheit ist Anerkennung der Authorität.

Frei nach: „Wie wird dies Alles endigen?“, Berliner Politisches Wochenblatt, 30. Juni 1832
Bearbeitung: Christian Neubacher

 

 

 

 

10. Mai 2020
Besondere Zeiten haben die Besonderheit, dass sie für besonders gehalten werden, solange man sie offiziell für besonders erklärt. Das könnte der erste Hauptsatz einer Politik der Pandemie sein, würde diese als solche erkannt. Derzeit ist es jedoch riskant, etwas anderes zu äußern als das Lob auf die Weisheit unserer Regierung beim Ergreifen der Maßnahmen und auf die vernünftige Strenge von uns ÖsterreicherInnen beim Befolgen dieser. Österreich hat die Europameisterschaft im nationalen Schulterschluss gewonnen. Es gibt dafür keinen Preis – außer dem, den wieder andere zahlen werden.

Hakan Gürses

 

 

 

 

 

9. Mai 2020
Crip Camp und „100 Jahre österreichische Behindertenbewegung”
Nach welchen Algorithmen Netflix seine Auswahl trifft, ist nicht immer ganz klar. Denn das Suchen nach guten Filmen und Serien treibt einen oft in den Wahnsinn. Und dann gab es diesen Glücksfall: Crip Camp – A Disability Revolution, eine Dokumentation über die Entstehung der Behindertenbewegung in den USA, die viele der Independent-Living-Bewegungen anderswo – so auch die österreichische, die heuer ihr 100-jähriges Jubiläum feiert – inspiriert hat. Ausgangspunkt des Filmes ist das später legendär gewordene Camp Jened im Bundesstaat New York, in dem Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen den Sommer 1973 verbringen. Beeinflusst von der allgemeinen Aufbruchsstimmung jener Zeit, werden die Jugendlichen erstmals als eigenständige Menschen wahrgenommen.

Die Langfassung des Textes ist abrufbar am IM-Blog: https://www.imblog.at/crip-camp-auf-netflix-und-100-jahre-oesterreichische-behindertenbewegung/ Initiative Minderheiten (Hg.): Sonderheft der Zeitschrift Stimme zu „100 Jahre österreichische Behindertenbewegung“, erscheint im Juli 2020.

Cornelia Kogoj

 


 

 


8. Mai 2020
Bravourös gemeisterte Herausforderungen gleichsam. Zu Österreichs 8. Mai
"Es war eine Zeit unglaublicher Herausforderungen," heißt es in dem Spot, der Anfang Mai 2020 gefühlte 15 Mal täglich auf ORF2 lief, um den TV-Schwerpunkt zu 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs (in Europa) in altbewährter patriotischer Erfolgsstory-Rhetorik anzukündigen.
Weniger alt, aber auch schon bewährt ist die Phrase "Herausforderung", zumal im Zusammenhang mit dem Vernichtungskrieg, an dem "Östereich" als Teil Nazi-Deutschlands beteiligt war. Diese Phrase hat Hochkonjunktur. Die Corona-Krise sei für Österreich "die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg", sagt Kanzler Kurz seit März oft und oft. Mittlerweile ist das Wording fixiert: Weltkrieg 2, SARS-CoV-2, beide Zweier-Herausforderungen bravourös mit Einser bestanden – Europa beide Male, 1945 wie 2020, tief beeindruckt von Österreichs rezenten Leistungen.
Gegen Corona- und Weltkriegs-Vergleiche regte sich Einspruch. Hans Bürger vom ORF meinte, das ließe sich nicht vergleichen: Im Zweiten Weltkrieg seien doch 55 Millionen Menschen gestorben. Ja, stimmt! Vor lauter Millionen – einmal heißt´s sechs, einmal 55 – vergisst man: Der Zweite Weltkrieg war ja ganz viele Coronas auf der gemeinsamen Herausforderungsskala. – Herbert Kickl meinte, der Vergleich verbiete sich: 1945 sei Österreich zerbombt und in Trümmern gewesen! Ja, stimmt! Soviel Leid wurde damals den doch so tapferen Leuten hier grundlos angetan. Außerdem, sei ergänzt, ist der Vergleich schief, weil Österreich von April auf Mai 1945 einen gravierenden Regierungswechsel erlebte, während heute... Lassen wir das.
Darf man also nicht vergleichen? Wo der Vergleich doch so verlockend, fast herausfordernd ist? Man darf: Als der ORF (ZiB 21. April) den Jahrestagsschwerpunkt präsentierte, stellte ORF-Zeitgeschichte-Redaktionsleiter Andreas Novak als "Leitmotiv" die Gleichheitsfrage: "Was hat dieser Krieg mit den Menschen gemacht? Wie gehen sie mit den Traumata um? Das trifft die Holocaust-Überlebenden, und das trifft sozusagen die Kriegsheimkehrer gleichsam." Gleichsam ist hier seltsam; es steht für ein "gleichermaßen", das gemeint ist, aber noch nicht ganz restlos im Gleichschritt der Geschichtsumdeutung mitmarschiert. Und doch bringt das "gleichsam" auf den Punkt: Was hat dieser Diskurs mit den Hirnen der Menschen gemacht? Was mittlerweile fixiert ist, zumal im Zeichen eines Wellness-Begriffs von Trauma, ist revisionistische Analogsetzung von zweierlei "Opfern": einerseits Wehrmachts- und SS-Soldaten, die aus dem Krieg heimkehrten; anderseits Überlebende des Holocaust, denen ihre – bis 1938 – Heimat nahelegte, lieber woanders hin heimzukehren. Erstere haben lange gekämpft (zeitweise erfolgreich: von Narvik bis Stalingrad), damit die Lager länger in Vollbetrieb bleiben. Und dann am 8. Mai 1945 (obwohl vereinzelte SS-Massaker in manchen Ecken Niederösterreichs noch bis 10. Mai anhalten): voll die Niederlage! Wer wäre da nicht gleichsam traumatisiert?

Aber auch da zeigen sich Grenzen eines geschmacklosen Vergleichs: Im Mai 2020 ist alles anders, da halten "die Österreicher" eisern durch und sind auf der Siegerstraße. Wäus d´a Herz host wia a Bergwerk... in der Alpenfestung: Statt dieser Durchhalte-Volksweise brachte die Polizei in der Zeit der Corona-Quarantäne-bedingten Verdunkelung ein anderes Lied von Rainhard Fendrich zum täglichen Einsatz um 18 Uhr. In einer von bösen Zungen als "Aktion Rainhard" titulierten Maßnahme zur Feierung des volksgesundheitlichen Schulterschlusses wurde der Bevölkerung, die mit einem AUT (wie "autoritär") im Pass hier lebt, eingehämmert: "I Am From Austria"! Das ist zwar in Österreich nichts Besonderes. Aber der wiederholt gesungene Abstammungsnachweis macht denen, die im Land leben, ohne from Austria zu sein, klar, dass es bei aller Gleichsamkeit doch Unterschiede gibt und dass es für die Zeit des Wiederaufbaus auch einer Ostarbeiter-Population bedarf, die ihre Quarantänezeit im Land mit Erntehilfseinsatz verbüßen soll.

Zur Public History in Sachen (Befreiung vom) Nationalsozialismus war für 7. Mai eine von Drehli Robnik konzipierte IWK-Tagung im Depot geplant. Programm und Konzept hier:https://independent.academia.edu/DrehliRobnik – unter Upcoming Talks (Ersatztermin folgt)

Drehli Robnik

 

 

 

 

7. Mai 2020
Warum dieser überstürzte Drang hinein in die „neue“ Normalität, die sich anfühlt wie ein Flashback der alten Normalität? Die sich in nichts von dieser alten Normalität zu unterscheiden scheint außer im (nach-)lässigen Tragen des sogenannten Nasenmundschutzes, in der nichts wichtiger zu sein scheint als die Wiedereroberung der Konsumzonen. Hat sich Enthaltsamkeit so schlimm angefühlt? Darf man zugeben, dass man am Entzug des Shopping und am Wegfall unendlich vieler prä-Corona unverzichtbarer Meetings, Events und Reisen Gefallen gefunden hat, mehr Wohlbefinden, mehr Bei-Sich-Sein?

Stella Rollig

 

 

 

 

6. Mai 2020
Ich hoffe, mein Text ist nicht zu sentimental geworden. Aber wie kann man in diesen Zeiten nicht sentimental werden? Ich kann keine schlecht gemachten Videos von Home-Konzerten mehr sehen. Ich kann schon lange keine Nachrichten von dem orangen Clown mehr sehen. Wie geht es eigentlich dem anderen, dem gelben Clown? Liegt er noch auf der Intensivstation? Brian Holmes hat unlängst in einem Zoom-Vortrag gemeint, „we have to act as a population, not as individuals”. Was meint er mit “population”? Wie auch immer, ich freue mich schon so auf unser nächstes Treffen im Depot.

Katharina Gsöllpointner

 

 

 

 

 

5. Mai 2020
Ideologie als Praxis. Ideologie ist das, was wir denken, wenn wir nicht denken. Ideologie besteht nicht einfach aus den fixen Ideen einer gewählten Weltanschauung, zu der wir uns bewusst bekennen. Sie hat vielmehr die in jeder Gesellschaft notwendige Aufgabe, den Einzelnen einen informellen, aber kollektiv verbindlichen, Kanon an praktischem Wissen zur Verfügung zu stellen. Ideologie fungiert damit als implizites Wissen. Sie entspricht einem automatisierten kontextuellen Bewusstsein, das im Alltag überlebensnotwendig ist. – Und natürlich werden mit diesem unbewussten Wissen weitreichende gesellschaftliche Wertungen transportiert, die Ideologie an sich gefährlich machen.

Peter Moeschl

 

 

 

 

 

4. Mai 2020
Zoomen, skypen, jitsien… es geht. Irgendwie. Und manchmal etwa meine Studierenden zumindest unscharf zu sehen, finde ich inzwischen direkt beglückend. Aber es gehen so viele Vermittlungsebenen verloren, all die durchdachten Formate und Methoden, die nicht nur das Wort sondern auch den Körper miteinbeziehen, die verpuffen im virtuellen Raum. Die Kraft des Wortes und der geschriebene Sprache wird echt überbewertet. Nun zeigt sich tagtäglich deutlich, wie sie nicht funktioniert. Ich will endlich, bald, irgendwann wieder vor Ort mit Menschen direkt diskutieren, mimisch, gestisch – und mit großem Vergnügen!

Sabine Prokop

 

 

 

 

3. Mai 2020
600 zornige Zeichen. Nicht mal die ärgsten Apokalyptiker hielten gestern für möglich, was heute Realität ist – vier Milliarden Menschen unter ‚Hausarrest‘, obwohl die meisten überhaupt keine Häuser haben. Immerhin, jetzt ist auch das Ende der Geschichte zu Ende und die Zukunft wieder so, wie sie immer schon war: offen und unvorhersehbar. Ein Virus hat die lange, latente Krise vom Wachstum um jeden Preis offen gelegt, und sein Wuchern stellt den Sinn der Zivilisation in Frage. Aber auch wenn uns das Virus noch so aufwühlt, so macht es doch keine Revolution. Warten wir nicht bis die Krise vorbei ist, setzen wir den Krisenfolgen durch unsern Zorn ein Ende. Keine Rückkehr zur Normalität, die uns krank macht! Keine Überbrückungsfonds und keine Leistungsstipendien – nur was uns zusteht und dringend nötig ist: menschenwürdiges Grundeinkommen für alle, überall!

Tom Waibel

 

 

 

 

 

2. Mai 2020
Was kommt nach Covid-19? „Social distancing“ oder neue Formen der Solidarität? „Survival of the fittest“ oder Besinnung auf das Gemeinsame? Die Covid-Krise verlangt nach Übersetzungen – und bisher ist offen, wie diese aussehen werden. Verständigen wir uns darauf, dass das Virus uns alle betrifft oder schützen wir unsere verbliebenen Privilegien vor denjenigen, die die Pandemie wie jede Krise härter trifft, weil ihre Unterprivilegierung im neoliberalen Kapitalismus festgeschrieben ist? Das sind die Fragen, die sich jetzt und auf längere Zeit stellen. Von ihrer Beantwortung hängen unser aller Menschenwürde, Leben und Überleben ab. Denn ohne grenzüberschreitende Solidarität befinden wir uns alle auf einem sinkenden Schiff, auch wenn manche von uns Erste-Klasse-Passagiere sind.

Monika Mokre

 

 

 

 

 

1. Mai, Tag der Arbeit. Dieses Jahr ist nichts mit Aufmärschen und Blasmusik, vollmundigen Sprüchen und Absingen der Internationalen auf diversen Tribünen. Dafür gibt es ab morgen, hier an dieser Stelle täglich ein kleines Textstück als  "Lese-Häppchen" - von und für Freund_innen des Depot. Freundschaft mal anders.