Runde 7: Wolfgang Zinggl und Stefan Heidenreich

WZ: In einschlägigen Diskursen wird gerne von der Kunst gesprochen. Verkürzungen wie „Kunst befindet sich in einer Sackgasse“ machen dann aus dem Kunstbegriff ein essentielles Wesen, das, in Not geraten unter akuter Atemnot leidet. Ähnlich werden auch andere Begriffe gerne animistisch verkürzt. „Liebe in der Sackgasse“ ist der Titel eines Ratgebers in Beziehungskrisen, „Demokratie in der Sackgasse“ der Essay zu einer Regierung, die mit ihren Problemen nicht fertig wird. Gemeint ist natürlich jedesmal die Gefährdung einer bestimmten, normativen Zuschreibung zu diesen Begriffen. Nicht die Kunst ist also gefährdet, sondern lediglich eine idealistische Vorstellung von ihr.

Im Feudalismus wird das Prädikat Kunst von wenigen, verbindlich für alle vergeben. Je mehr Menschen danach ihren Einfluss geltend machen konnten, umso demokratischer wurde der Begriff verwendet. Allerdings gibt es in jeder noch so demokratisch sozialisierten Gemeinschaft mehr und weniger einflussreiche Kräfte. Wenn zur Zeit die Eliten der Kunstkultur oder reiche Investoren am Markt über mehr Definitionsmacht verfügen, mag das nicht im Interesse von allen sein. Es ist deswegen aber nicht undemokratisch. 

Soll deren Einfluss aber reduziert werden, und das sollte er, stellt sich die Frage, wie das zu machen ist und wer dann, an ihre Stelle tritt. Die Frage ist dieselbe wie sie für Demokratien grundsätzlich gestellt wird. Soll von der Bevölkerung möglichst viel direkt und mehrheitlich beschlossen werden oder hat nicht auch eine Delegation an Fachleute ihre Vorteile? Politisch wird unser Zusammenleben jedenfalls von einer repräsentativen Demokratie gelenkt, in der Markt und Eliten maßgebend sind. Ließe sich deren Einfluss aber mit direkter Demokratie reduzieren? Kaum. Es gibt daher bessere Gründe, die Entscheidungsprozesse im Kunstbetrieb zu demokratisieren.


SH: Es gehört zur Sprache, zumal in kurzen Texten, Dinge zu verallgemeinern. Wir reden von „Kunst‟, ohne jedesmal auf tausend akademisch elaborierten Seiten auszuwalzen, welche Vorstellung wir uns genau davon machen. Und wir gebrauchen Metaphern, weil sie Verhältnisse veranschaulichen. Daher zurück zur Frage - so idealisiert und anschaulich wie die Kürze es erfordert.

Ich sehe die Lage so: entweder Kunst tut sich mit der Bildkultur in den sozialen Medien zusammen oder sie verdämmert in ihren Elite-Tempeln. Der Ruf nach mehr Demokratie fordert die staatlichen Institutionen dazu auf, den Sammlern und Experten weniger Macht zu geben, dem Publikum dagegen mehr. Das Ziel ist es nicht, die Kenner und Kunst-Oligarchen ganz loszuwerden. Es geht nur darum, ihrem Urteil eine dritte Säule gegenüber zu stellen. Ich behaupte auch nicht, dass die große Menge des Publikums irgendetwas „besser‟ weiß. Sie weiß nur etwas Anderes, und das findet derzeit so gut wie kein Gehör.

Mehrheitsentscheidungen taugen als Verfahren demokratischer Kunst-Meinungsbildung vermutlich wenig. Es gibt viel bessere Wege, gemeinsam zu entscheiden, was ausgestellt werden soll: Räte, Liquid Democracy, Likes, Chatgruppen - all das wäre zu testen. Den Museen bietet sich derzeit die einmalige Gelegenheit, sich mit der digitalen Kultur zusammen zu tun und in lebendige Demokratie-Labore zu verwandeln.


WZ:Verkürzungen in der Sprache führen gelegentlich zu Missverständnissen. Dann heißt es, zurück vor die Verknappung. Nicht als Wortklauberei sondern zur Klärung. Ein Beispiel: Die Prophezeiung, „entweder Kunst tut sich mit der Bildkultur in den sozialen Medien zusammen oder sie verdämmert in ihren Elite-Tempeln“ macht den Kunstbegriff einmal mehr zum handelnden Subjekt. Kunst kann gar nichts tun. Wer soll sich also tatsächlich mit Bildkulturen im Netz verbünden? Die Warnung ist verfranst. Gemeint ist wahrscheinlich: Entweder wird im Biotop des Netzes bestimmt, was mit Kunst bezeichnet wird, oder der Begriff verschwindet.  Ob neben dem Visuellen auch Musik, Tanz, Theater, Architektur und Literatur gerettet werden können, bleibt offen.

Kunst ist ein Begriff, der von Menschen wie ein Gütesiegel eingesetzt wird. Manche vergeben ihn an Bilder, andere an Literatur, wieder andere haben ihn einer wissenschaftlichen Leistung oder fürs Kochen verliehen. Hinter diesen Wertschätzungen sammeln sich Menschen wie hinter ihren religiösen oder sportlichen Vorlieben und die Vorlieben werden ständig beeinflusst. Zum Beispiel von medialer Präsenz. Daher spielt auch das Netz für die Verleihung eines Kunstprädikats eine enorme Rolle. So wie für die Politik. Ist das extensive Liken deswegen die demokratische Zukunft?  Japanische Superflats, der Cartoon-verwobene James Jean oder Graffitikünstler mit Millionen Fans zeugen vom Geschmack der Massen wie die vielen Einfamilienhäuser landauf, landab. Architektonische Qualität wird trotzdem nach anderen Kriterien bemessen.
Sollte sich das landläufige Verständnis von Kunst durch die sozialen Medien aber tatsächlich radikal verändern, wäre das auch nicht ungewöhnlich. Historisch hat sich der Kunstbegriff immer bewegt. Wichtig ist ja nicht die Frage, wodurch er sich ändert, sondern in welche Richtung. Nur, dass er ohne soziale Medien verdämmern würde, das ist eine gewagte Prophezeiung. Aber selbst wenn. Kein animistisches Wesen ginge elend zugrunde. Die Menschheit würde vielmehr auf einen Begriff verzichten, den sie nicht mehr benötigt.

Die Forderung nach demokratischerer Kanonisierung hat einen Grund. Er versteckt sich im pessimistischen Satz, „an der Krise der Demokratie wird Kunst vermutlich wenig ändern, schon gar nicht, solange sie selbst kaum demokratische Verfahren zulässt.“ Kunst ändert nichts. Gemeint ist möglicherweise aber, dass wir etwas dazu beitragen können, um Hierarchien kulturell zu nivellieren. Auf allen Ebenen. Am Arbeitsplatz, in Schulen, Kirchen und im Kunstbetrieb.