Runde 8: Iris Dressler und Wolfgang Zinggl

ID: Man kann den Rest seines Lebens damit verbringen, hinter allem was passiert „intellektuell verbrämte Oligarch*innenkultur“, „moralische Floskeln“, “Diskursakteur*innen aus Frustration“ und „elitäre Fremdkörper“ (uiuiui) ausfindig zu machen. Man selbst ist dann fein raus: stets auf der Seite der Hellsichtigen, während die Eliten und Idiot*innen, die nichts kapieren, immer die anderen sind. Die Lösung? Eine Volksherrschaft, die sich im besten kapitalistischen Sinne darin erschöpft, etwas (aus einem neutralen Angebot?) auswählen zu dürfen? Erteilt von Leuten, die sich anmaßen, zu wissen, womit „weite Teile der Bevölkerung“ nichts anfangen können?

Ich leite einen Kunstverein, der, 1827 gegründet, auf einer zutiefst bürgerlichen Idee von Kunst basiert, aber dort längst und bei weitem nicht stehen geblieben ist. Bei jeder Mitgliederausstellung ist zu besichtigen, dass allein in dieser Gruppe Vorstellungen von Kunst und Künstler*innen-Sein aufeinanderprallen, die sich eigentlichen ausschließen. Was nicht bedeutet, dass wir uns nicht ernsthaft mit Fragen von Diversität und Inklusion, strukturellem Rassismus, Klassismus und Ableismus  auseinandersetzen müssten. Fragen, die nicht einfach zu lösen sind, sondern einer permanenten selbstkritischen Auseinandersetzung bedürfen.

Ich stimme völlig damit überein, dass Kunst gar nichts muss. Sie ist nicht demokratisch, und auch nicht notwendig gut oder schön, und sie muss schon gar nicht „gemeinsame Sache mit den Leuten“ machen. Dennoch halte ich daran fest, dass Kunst politisch ist, dass ihr eine eigene emanzipatorische Kraft innewohnt. Demokratie, wie ich sie verstehe,  bedarf permanenter emanzipatorischer Prozesse und somit auch der Kunst: In dieser Reihenfolge würde ich die Beziehung von Kunst und Demokratie lesen.

Ich begreife Demokratie dabei als einen unabschließbaren Prozess, als eine Demokratie à venir (im Kommen befindlich / zukünftig), wie Jacques Derrida es formuliert hat. Statt einer Herrschaft – von wem auch immer – ziehe ich eine Kultur des Streits und Dissens vor: beginnend mit dem Streit darüber, wer, warum und in welcher Form in den Konzepten und Konstruktionen von Volk, Bürger, Souverän, Mensch … gemeint ist und wer nicht. Die Dringlichkeit dieser Auseinandersetzung zeigt sich nicht zuletzt in den fatalen sozialen Ungleichgewichten, die die Corona-Pandemie tagtäglich offenbart, sowie in den subtilen Formen und Exzessen struktureller Gewalt gegen Frauen, Schwarze, people of color, nicht-normativen, funktional oder mental diversen Menschen.

Statt den Kunstbetrieb und alle anderen Lebensbereiche unter den Generalverdacht von Korruption, Elitentum und Dekadenz zu stellen, ist es die Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit anderen und anderem, die mich beflügeln und trotz allem zuversichtlich machen, dass Dinge veränderbar sind: eine Kritik, ein Tun, eine Kunst, ein Aushandeln von Demokratie, ein Kampf um Gerechtigkeit, ein Streit …, die allesamt darauf basieren, dass die Beteiligten ihre Sache ernst meinen und einander ernst nehmen. Es gibt solche Leute und nicht nur Halunken.

(Warnung: hinter diesem Beitrag könnte eine elitäre Sprachpolizei stecken, die dem kleinen weißen Mann verbieten möchte, so zu reden, wie ihm der Schnabel und was sonst noch so gewachsen ist. „Sicherer stehen die Bäume im Wald“, heißt es bei Elfriede Jelinek so schön).


WZ: Ganz ohne Warnung: Kunst kann alles mögliche sein (zum Beispiel politisch) oder nicht sein (zum Beispiel demokratisch). Sie geht eventuell der Demokratie voraus oder muss das nicht, wenn sie zum Beispiel gar nichts muss.  Unterschiedliche Menschen schreiben dem Begriff Eigenschaften zu, als wären diese Eigenschaften für das Phänomen des Begriffs wesentlich; als hätte dieses Phänomen eine Seele. Dabei existiert es nur über diese Eigenschaften.
Jemand erfindet den Begriff GREG und beschreibt ihn über zugedachte Eigenschaften. Andere finden die Bezeichnung GREG brauchbar aber besser mit anderen Zuschreibungen. GREG gibt es dann als soziales Konstrukt dort, wo es über seine Zuschreibungen anerkannt wird.

Auch die Kunst ist ein soziales Konstrukt. Der Begriff verweist auf etwas, das in der Vergangenheit ihm zugeschrieben wurde, dessen Bedeutung sich immer wieder geändert hat und von dem einiges bis heute als scheinbar selbstverständliche Eigenschaft beibehalten wurde. Manch ein Verständnis von Kunst wurde uns in die Krippe gelegt. Wir haben es mit der Muttermilch aufgesaugt und haben es kulturell eingeimpft bekommen. Gerne sprechen wir begeistert von der Kunst und genauso begeistert wurde der Begriff im Nazideutschland, in der Gegenreformation oder im Kolonialismus verwendet. Und mancherorts hat er vielleicht nie existiert.
Es ist nicht die Kunst, die mehr oder weniger demokratisch ist. Es sind Menschen, die ihr bestimmte Eigenschaften als Status Quo oder Wunschprojektion andichten. Durch das, was mit der Verwendung des Begriff in die Kunst projiziert wird, spiegelt sie den Status Quo und die Wünsche der Menschen wider. Das können auch demokratische Eigenschaften (Demokratie als Prozess ...) sein.


ID: Warning: Perception Requires Involvemet ist ein Slogan, den der Künstler Antoni Muntadas eine Weile vor Museen angebracht hat – ein Satz, der sich nicht wirklich gut ins Deutsche übersetzen lässt. Interessant ist für mich die doppelte Bewegung zwischen Distanz und Nähe, Vorsicht und Einlassen gegenüber einer Institution, die einen erheblichen Anteil daran hat, wie wir Kunst betrachten und bewerten. Zugleich ist das moderne Museum quasi das Aushängeschild der Demokratie. Es wird zur gleichen Zeit erfunden, wie die Guillotine …


Gesprächsrunde 8
ID: Iris Dressler
WZ: Wolfgang Zinggl