Runde 9: Marlene Streeruwitz und Iris Dressler

MS: Ich bleibe weiterhin bei meiner Kritik "Kunst" mit "Demokratie" durch das "und" in einen gleichwertigen, weil Konjunktion simulierenden Zusammenhang zu bringen.
Wenn schon, dann würde ich "Kultur" statt der Kunst einsetzen.
Abgesehen davon bewegen mich zwei Vorgänge:
In der FAZ und fast allen anderen deutschen Medien wird ein fiktiver 100er Geburtstag von Reich-Ranicki gefeiert. Im literarischen Quartett aus dem Jahr 1996 hat sich Reich-Ranicki über meinen damals veröffentlichten Roman "Verführungen." dem Text und mir als Person in derart herabwürdigend brutaler Art geäußert, daß das literarische Quartett letzten Endes dann daran zerbrochen ist. Tatsächlich ging Reich-Ranicki in seinem Sprechen dem heutigen Antifeminismus voraus, beziehungsweise hat den latenten Antifeminismus bis zum heutigen überbrückend weitergeführt. Daß der 100ste Geburtstag gefeiert wird, bedeutet auf der symbolischen Ebene dann eben auch die Weiterführung einer antifeministischen Kanonbildung, die weit über die Literatur hinaus Wirkung entfaltet. Damit wird antidemokratische Geschlechterpolitik unterstützt. Wie ja die gesamte etablierte Politik in ihrem Selbstverständnis - und darin spiegelt sie die unterliegende Kultur wieder - immer noch nicht die demokratische Emanzipation von den Geburtszufälligkeiten in das demokratische Verantwortungssubjekt zur Grundlage nimmt. An "Ausländern" und an weiblichen Sinneinheiten wird das sichtbar.
Und diese Lebensarbeit beiseitegeschoben, möchte ich ganz einfach in New York sein und selbst versuchen, von Brooklyn über die Brücke nach Manhattan zu wandern. Ich wäre also gern selbst das politische Kunstwerk, das den Körper gegen die Polizeigewalt einsetzt. Weil es hier um genau den gleichen Vorgang wie bei der Feier von Reich-Ranicki geht: Es geht um Elitenerhalt und Macht gegen Emanzipation des Staatsbürgers oder der Staatsbürgerin hin zur selbstdefinierten Person. Etwa in die Wahl eines der 37 Geschlechter. Etwa in das Anrecht auf Resourcen.....Hier wie dort. Ich wäre gern bei diesem Schrei dabei.

ID: In Stuttgart wie in vielen anderen Städten haben am vergangenen Samstag mehrere Tausend überwiegend junge Menschen gegen Rassismus demonstriert und dabei, wie anderswo, sämtliche Erwartungen gesprengt. Es ist, als würde I can’t breath ein ganzes Bündel an Nerven im Mark treffen.

I can’t breath. Kein Ausruf, kein Aufschrei könnte den Aufstand gegen die herrschenden Todespolitiken derzeit prägnanter und zugleich verstörender auf den Punkt bringen: den Aufstand gegen die Zerstörung des Planeten und die Behauptung, diese Zerstörung, die uns die Luft zum atmen nimmt, sei alternativlos; den Aufstand gegen die fatalen sozialen Ungerechtigkeiten, die die SARS-CoV-2-Pandemie, an der in erster Linie alte, arme, rassifizierte, marginalisierte und anderweitig abgehängte und prekarisierte Menschen ersticken, wie unter einem Brennglas offenbart; den Aufstand gegen das Regime des weißen Mannes, das so vielen die Luft abschnürt: durch private häusliche ebenso wie durch öffentliche polizeiliche Gewalt; im Hinblick auf ein selbstbestimmtes Leben ebenso wie auf eine existenzielle Chancengleichheit unabhängig von Geschlecht, Klasse oder Ethnie. Dieses Regime hat weniger mit Biologie, als mit der Aufrechterhaltung todespolitischer Machtstrukturen zu tun. Wenn es eine Revolution des 21. Jahrhundert geben sollte, wird es die Revolution für das Recht auf Atmen und gegen das Regime des weißen Mannes sein.


MS: "Hier und jetzt gerade ist nun nichts mehr zu kommentieren und "Was tun!" zu fragen."


Gesprächsrunde 9
MS: Marlene Streeruwitz
ID: Iris Dressler