Runde 2: Stefan Heidenreich und Iris Dressler

SH: Die Frage nach Kunst und Demokratie hat zwei sehr verschiedene Seiten. Wir können von der Kunst aus den Zustand der Demokratie im Ganzen betrachten. Oder wir können uns fragen, ob dem Kunstbetrieb selbst mehr Demokratie gut tun würde.

Die Sorge um die Lage der Demokratie im Ganzen ist verständlich, wobei mir die größere Gefahr nicht von Autokraten alten Schlags auszugehen scheint, sondern von einem kommenden Regime aus datenbasierten Verhaltensregeln und Dauerüberwachung.

An der Krise der Demokratie wird Kunst vermutlich wenig ändern, schon gar nicht, solange sie selbst kaum demokratische Verfahren zulässt. Die politische Wirkungslosigkeit der Kunst liegt an der Engführung auf einen elitären Kult von Expert*innen und Sammler*innen, in dem sich Geltungskonsum und institutionelle Hierarchien gegenseitig bestärken. Ganz folgerichtig beschränken sich die Effekte politisch engagierter Kunst meistens auf internes "virtue signaling", das gerade noch die Jury der nächsten Projektförderung erreicht.
Eine größere politische Reichweite wird Kunst in Demokratien nur beanspruchen können, wenn sie selbst demokratische Verfahren einbindet. Zum Kunstmarkt und zum Kuratorensystem müsste ein dritte, demokratisch verfasste Säule hinzu treten. Betrachter*innen sollten viel mehr mitbestimmen können, was in staatlich geförderten Räumen ausgestellt wird.


ID: Die Strukturen öffentlicher Kunstinstitutionen bedürfen einer permanenten kritischen Auseinandersetzung hinsichtlich ihrer Funktionen, Aufgaben, Hierarchien, Entscheidungen, Diskurse, Ein- und Ausgrenzungen und vielem mehr. Sie sind vielerorts sehr wohl Teil eines demokratischen Gefüges, das die Instrumentarien für eine solche Auseinandersetzung bereithält – und diese sollten in der Tat stärker genutzt werden: um zum Beispiel faire Arbeitsbedingungen für Künstler*innen und Freiberufler*innen zu schaffen; die eurozentristischen und patriarchalen Narrative der Kunstgeschichte, die bis in die Gegenwart hineinwirken, aufzubrechen; die soziale Teilhabe von Minderheiten zu ermöglichen; Mechanismen von Selbst/zensur und Korruption einzudämmen; sich dem kulturpolitischen Druck zu widersetzen, öffentliche Kunstinstitutionen wie kommerzielle Unternehmen zu führen; oder sich gegen die Einflussnahme der monopolistischen Strukturen innerhalb des Kunstmarktes zu behaupten.

Diese Auseinandersetzung muss aus verschiedenen sich widerstreitenden Perspektiven, die weit über die „Säulen“ Kunstmarkt, „Kuratorensystem“ – was immer das sein soll – und Besucher*innen hinausgehen, geführt werden. Ihr Ziel kann nicht Konsens, sondern muss die Bereitschaft sein, mit Dissens als ständigem Begleiter demokratischer Gefüge zu leben. Das ist sehr viel anstrengender und herausfordernder, als sich damit zu begnügen, Besucher*innen über das Ausstellungsprogramm mitentscheiden zu lassen. Letzteres greift schon deshalb zu kurz, weil die Strukturen öffentlicher Kunstinstitutionen, an deren Kritik und Veränderung jede*r die Chance haben sollte, sich zu beteiligen, sehr viel mehr umfassen, als die Zusammenstellung von Künstler*innenlisten. Besucher*innen am Ende der Kette zahlreicher Entscheidungen über das Programm mitbestimmen zu lassen, ist demokratische Augenwischerei. Wobei, umgekehrt, öffentliche Kunstinstitutionen in meinem Verständnis gerade nicht Orte sein sollten, in denen sich nur die Mehrheitsgesellschaft wiederfindet. Und es kann schon gar nicht das Ziel sein, durch ein solches Mehrheitssystem mehr politischen Einfluss zu gewinnen, denn das würde schlicht die Instrumentalisierung von Kunst für politische Zwecke bedeuten.
Und noch eine Bemerkung zur angeblichen Engführung der Kunst durch einen elitären Kult von Expert*innen und Sammler*innen. Es kommt immer darauf an, ob man sich in seiner Betrachtung auf das eine Prozent der „Starkuratoren“ – längst ein Auslaufmodell der 1990er-Jahre – und Superreichen und deren Einfluss auf den Kunstbetrieb fokussiert, oder ob man auf die restlichen 99 Prozent, die hier arbeiten und die längst nicht alle dem einen Prozent blindlings folgen, schaut.

SH: Um es von einer anderen Seite anzuschauen: wozu überhaupt demokratische Verfahren im Kunstbetrieb? Warum Betrachter*innen mitbestimmen lassen, was ausgestellt wird?

Man könnte es dabei bewenden zu lassen, dass wie bisher der Markt festlegt, was teuer und gut ist. Dann dürften sich wie gehabt Kurator*innen damit herumschlagen, diese Auswahl mit der gerade kulturpolitisch gewünschten Agenda zusammenzubringen. Tatsächlich entspricht diese Art von intellektuell verbrämter Oligarchenkultur perfekt den politischen Machtverhältnissen.

Weite Teile der Bevölkerung können mit dieser Art von Kunst nichts anfangen. In einem Umfeld sozialer Medien, die zu fortgesetzter Beteiligung aufrufen, wirkt der Kunstbetrieb wie ein paternalistischer und elitärer Fremdkörper.

Demokratische Verfahren könnten der Kunst helfen, aus der Sackgasse herauszufinden. Es geht dabei nicht um eine Herrschaft der Mehrheit, sondern um eine diverse Vielzahl von Stimmen. Verschiedenste demokratische Verfahren bieten sich an, von der Rätedemokratie über die Organisationsmodelle offener Programmier-Plattformen bis zu sozialen Medien oder Online-Tools wie Liquid Democracy. Das Ziel der Übung wäre es, dass Betrachter*innen Kunst als etwas wahrnehmen, das nicht von Oligarchen oder Experten vorgekostet und serviert wird, sondern als etwas, an dem sie Anteil haben, weil sie es selbst auswählen und in dem sie sich selbst aktiv wiederfinden.