Runde 4: Wolfgang Zinggl und Marlene Streeruwitz

WZ: Vordergründig suggeriert das Thema zwei unterschiedliche Aspekte. Wie demokratisch kann und soll Kunst sein und welchen Einfluss kann und soll die Kunst auf die Demokratie haben? Ein Austausch zu diesen Aspekten macht mehr Sinn, wenn zuerst eine Übereinstimmung im Verständnis der Begriffe „Kunst“ und „Demokratie“ gefunden werden kann. So eine Übereinstimmung wird weder lückenlos noch allgemeingültig sein. Erkenntnisse, Prognosen oder Ansprüche lassen sich aber schlecht aus völlig unterschiedlichen Projektionen ableiten, die in den Köpfen zu den Wörtern auftauchen und deren Kombination die Differenzen auch noch multipliziert.

Verstehen wir Demokratie als Volksherrschaft, entsteht gleich einmal die Frage, wie denn die Vielen überhaupt zu Entscheidungen kommen. Wer gehört zum „Volk“; sind gleichwertige Einflussmöglichkeiten gewährleistet; sind alle Stimmberechtigten von den Entscheidungen persönlich betroffen; über die thematischen Hintergründe und Konsequenzen informiert und so weiter? Dazu wird ein politischer Diskurs weniger geführt, als zu den Auswirkungen von direkter beziehungsweise repräsentativer Demokratie, die ihrerseits wieder unterschiedliche Folgen haben kann, je nach Ausrichtung.

Verstehen wir Kunst – unabhängig von den vielen Definitionen – jedenfalls als ein von der Gemeinschaft vergebenes Prädikat und damit als ein soziales Konstrukt, muss geklärt werden, wer zu dieser Gemeinschaft gehört, wer das Prädikat vergibt, und welchen Stellenwert es in der Gemeinschaft hat.  Das Wissen darüber allein würde schon vieles ändern auch wenn, ja gerade weil Kunst von den kulturellen Verhältnissen abhängig ist. Auch dazu ließe sich der Diskurs noch deutlich intensivieren. Die Politik als Einflussmöglichkeit auf die Regeln unseres Zusammenlebens kümmert sich wenig darum. Und das gilt nicht nur für die parlamentarische Politik.

Das Thema Kunst und Demokratie eröffnet die Vervielfachung der genannten Aspekte. Wie minderheitsfreundlich wären zum Beispiel Mehrheitsentscheidungen in der Vergabe des Kunstprädikats, vor allem wenn damit politischer Einfluss ausgeübt werden kann? Wer dürfte sich an den Entscheidungen zu dieser Vergabe beteiligen? Wie wirken sich wirtschaftlich unterfütterte und staatspolitisch abgesegnete Kunstweihen auf politische Auseinandersetzungen aus? Wirken wirtschaftliche Interessen nicht auch auf partizipative Systeme? Wie sehr sehnen sich Werkschaffende nach einer Kunstehrung durch möglichst viele und was tun sie alles dafür? Ist die Auszeichnung mit dem Kunstprädikat nicht paradigmatisch für das Streben nach Leistung, Macht und Ehre und insofern wenig selbstlos, gemeinnützig und egalitär?
Über den Status Quo nachzudenken und daraus normative Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten, lohnt sich.


MS: Ich bleibe bei meiner Kritk der Setzung "Kunst und Demokratie" als ein  Begriffspaar. Die Kunst demokratisch haben zu wollen ist nur auch ein normativer Schritt und soll Zugangsregeln anderer Art einführen. In den autoritären Demokratien, in denen wir leben, bleibt für mich die Freiheit der Kunstausübung und der freien Rede das höhere Gut gegenüber einer Werkkritik, die weiterhin ein ungeklärt Demokratisches an den Werken normativ anlegt. Was zu demokratisieren ist, das sind die Institutionen der Vermittlung von Künstlerischem und der bürokratischen Verstaatlichung der Personen, die Künstlerisches machen wollen. Die Freiheit der Kunstausübung ist durch die sozialrechtliche und steuerrechtliche Rahmenbedingungen derart geregelt, daß eine kunstsschaffende Person "freier Dienstnehmer" (es gibt keine freie Dienstnehmerin in den Anträgen der WKO) genannt und über die Forderung der Einkommenssteuer in Dauerstress gehalten wird. In Österreich wird die negative Freiheit zugewiesen, die sich in Sätzen äußert wie "Das ist ja Ihre Entscheidung." "Das müssen Sie ja nicht tun. Es hat Sie ja niemand gezwungen, KünstlerIn zu werden." "Dann gehen Sie doch dahin, wo Sie glauben, daß es besser ist." Nun ist die Frage, wie sieht demokratisches Leben aus. Ist das für alle gleich oder wird das den Leben entsprechend organisiert. Für das Geldverdienen mit dem, was hier Kunst genannt wird. Also. Für das Geldverdienen mit all jenen Erfindungen, Services und Werken, die einen weiten Werkbegriff erfüllen und die das sind, was wir Kunst nennen könnten. Für diese Art von Geldverdienen müßte, soll es Freiheit geben, Gewinn anders definiert werden. Die Nachzahlungstragödien und die daraus entstehenden Depressionen müssen zur Zensur gerechnet werden, wenn sie die Leben vergiftend das Werk unmöglich machen. Es geht nicht um Steuerverweigerung. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte hier Abhilfe schaffen. Vielleicht.
Jedenfalls ist in dieser Corona Krise endgültig der Abstieg der Personen beschlossen, die mit Künstlerischem ihren Lebensunterhalt verdienen wollen und von Schüssel in der Wirtschaftskammer untergebracht wurden. Die Lautlosigkeit des Verschwindens dieser Personen ist dann weiter in der Machtlosigkeit eines Staatssekretariats gesichert. Es ist schön, von Demokratisierung der Institutionen zu sprechen, wenn die Institutionen gerade in eine endgültige Neoliberalisierung hineinerpreßt werden. Und.
Eine Auszeichnung mit dem Kunstprädikat ist so gestrig wie nicht mehr vorhanden. Der Abstieg der Künstlerisches Schaffenden zu Heimarbeitern und Heimarbeiterinnen, die aber als UnternehmerInnen besteuert werden, ist deutlich genug als Absage einer Wertschätzung. Ich finde, Personen, die sich mit einer solchen Wertschätzung zufrieden geben, sollten noch einen Extraorden bekommen, so hohl ist eine solche Ehre in Bezug auf den Lebensunterhalt und die Lebensumstände. Können wir bitte die Interessenslage der Künstlerisches Schaffenden  heute von den Erinnerungen an willfährige Avantgarden, die noch das große Geld machen konnten, auseinanderhalten. Damit komme ich zu dem Begriff Solidarität. 


WZ: In der Tat bleibt das Demokratische ohne Spezifizierung ein Phantasma. Aber sosehr die Kritik an neoliberalisierten Institutionen hierzulande gerechtfertigt ist – und ich bin ihr erster Kritiker –, gibt es doch demokratische Mindeststandards, die nicht überall selbstverständlich sind. China, Dubai oder die Türkei sind drei Beispiele, die mit repräsentativer Architektur, Kunstmessen und Konzerten katastrophale rechtliche Verhältnisse kaschieren. Viele international renommierte Kunstschaffende „die noch das große Geld machen” sichern mit ihren Beiträgen dieses Ansinnen. Mit Boykott könnten sie auf die „freie Rede“ in diesen Ländern hinweisen, zumindest aber die Intention der Veranstalter durchkreuzen, Aufgeschlossenheit vorzugaukeln. Ihre „Interessenslage” lässt das aber wahrscheinlich nicht zu und niemand wird die „Freiheit der Kunstausübenden“ in Frage stellen. „Damit komme (auch) ich zum Begriff Solidarität”, wiewohl der ein anderes Thema wäre.