Runde 5: Roters&Szolnoki und Wolfgang Zinggl

R&S: Ist das Kunstwerk als solches wirklich ein Auslaufmodell? Ist es etwa wirklich out ein Kunstwerk zu erschaffen oder an die Autonomie eines Kunstwerks zu glauben? Erliegen wir diesem partizipativen gesellschaftlichen Aktionismus- und Diskurszwang? Ohne diesen der Schaffende anscheinend in einer längst überholten elitären Blase zu existieren scheint, doch ist dies wirklich so? Oder gehen wir hier nicht viel eher einer im Namen des gesellschaftlichen Engagement elitären Augenwischerei in die Falle? Welche Gesellschaft braucht das? Woher kommen diese Diskursakteure? Lindern sie nicht ihre eigene aus ihrer Sonderposition entspringende Frustration?

Kunst und Demokratie sind eine zweifelhafte Konfrontation. Wie kann Kunst demokratisch sein? Oder ist dies nicht das heute herrschende Paradigma, das die Autonomie des Kunstwerks auffrisst? So erscheinen wir denn dann wohl als Dinosaurier, die noch an einen dem schaffenden Menschen innewohnenden überholten, pathetischen Ethos glauben, wo immer noch unser eigenes Ego unsere Handlungen lenkt und nicht die abstrakten ausgearbeiteten, moralischen Vorstellungen der Kuratoren- und Wissenschaftlerkaste. Dies bedeutet nicht, dass wir keine Verantwortung fühlen, oder nicht mit unseren eigenen Mitteln versuchen zu handeln, doch wir sehen uns als naiv experimentierende Künstler und nicht als die absolutes Wissen besitzenden Ingenieure der Gesellschaft.

Von der Realität unseres Alltags und der meisten unserer Künstlerkollegen ganz zu schweigen, die eine existentielle Unmöglichkeit ist. Wie soll man sich Solidarität hier vorstellen? Ist sie überhaupt erwartbar oder nicht ebenso eine moralische Floskel des Diskurses?


WZ: Nicht alle Filme erhalten den Oscar. 1929 waren andere Qualitäten für die Trophäe maßgebend als im Februar 2020. Die Verleihung beruht also auf Werturteilen. Nun zeigt die Geschichte, dass auch das Gütesiegel „Kunst“ mit den Bedürfnissen und den Vorstellungen derer verändert wird, die es vergeben. Gleichwohl konnten Texte, Bilder oder Tänze zu allen Zeiten auch ohne Kunstprädikat geschaffen und genossen werden. Und auch die Kleine Nachtmusik bliebe ohne jede Kunst was sie ist, eine wohlgefällige Aneinanderreihung von Tönen. Wenn dem so ist, dann tauchen zwei Wofür-Fragen auf. Erstens, wofür gibt es den Kunsttitel überhaupt? Offenbar wird er gebraucht. Hätte das Gütesiegel nämlich keinen Sinn, könnte ja darauf verzichtet werden. Dann würde der Kunstbegriff keine Rolle spielen und es wäre unnötig, über die Bedingungen zur Verleihung seines Titels nachzudenken. Für viele spielt Kunst aber eine Rolle. Nicht als Essenz, als originäres Wesen, sondern als kulturelles Konstrukt. Wie der Oscar. Und mit jeder Verwendung des Kunstbegriffs bestätigen sie ihr Interesse an diesem Konstrukt und erneuern damit die Debatte zur zweiten Frage, wofür die Trophäe jeweils verliehen wird.


R&S: Hieße das dann, dass zwischen Werk und Werk kein qualitativer Unterschied besteht und lediglich die Bürokraten der Institutionen bestimmen was “Kunst” wird? Dann wären ja die Künstler mitsamt den Rezipienten nur eine Art Biofassade, mit der die Bürokraten ihre eigene Position und ihr System legitimieren. Dann können wir uns ja jetzt abschaffen als Künstler!

„Angetrieben von einem krankhaften Interpretationszwang wurden die letzten unberührten Teile des Bedeutungsfeldes bereits kolonisiert. Diskursdumping als ein Krebstumor verschlingt jeden lebendigen Gedanken. Wenn der Künstler nicht als eine bloße Theorie - Illustration enden möchte, bleibt ihm keine andere Wahl als die rituelle Zerstörung und Verschlingung der Kanon - Macher.” (József Szolnoki, Kurátor nyárson / Kurator am Spieß, 2015)