Runde 1: Roters&Szolnoki und Iris Dressler

R&S: Folgen wir dem Gedankenspiel, dass sich die nicht aufgearbeiteten Probleme der Vergangenheit so sehr aufstauen können, dass sie sich an einem bestimmten Zeitpunkt unter das Jetzt einfalten, so gibt es in dieser Situation keinen Raum mehr für die Ereignisse der Zukunft und die Zeit beginnt sich rückwärts zu bewegen. Dieser Spiegelung nach befinden wir uns jetzt in Budapest ungefähr im Jahr 1985. In diesem Jahr schrieb Enzensberger in seinem Essay “Ungarische Verwirrungen“: “Wir definieren uns an dem Regime, das wir bekämpfen.” Es gibt bei uns den Witz, dass es ein unlösbarer Irrglaube sei, anzunehmen, dass die Kunst sich in die Politik einmischen könne, doch die Politik sich nicht in die Kunst. Aber nun, was für eine Demokratie ist dies?


ID: Alexander Kluge, Weggefährte von Enzensberger, schlägt vor, längst vergangene, liegengebliebene Momente der Emanzipation, die einen völlig anderen Verlauf der Geschichte hätten bewirken können, aufzusuchen und in Richtung Zukunft weiterzudenken. Wo ließen sich solche Momente in der Geschichte Ungarns finden?

Kritik, Dissens und Emanzipation bilden in meinem Verständnis den Kern allen politischen Handelns innerhalb und jenseits von Demokratien (und allem, was dazwischen liegt); wobei zwischen dem Politischen und der Parteipolitik Welten liegen. Ersteres lässt sich durchaus in der emanzipatorisch-imaginären Kraft der Kunst finden; Letzteres ist ein Apparat, der in vielerlei Hinsicht auch auf die Kunst einwirkt.

Demokratie schafft allenfalls den Rahmen für politisches Handeln, sie hat keine Emanzipation zu vergeben. Das wäre überdies paternalistisch. Wo dieser Rahmen fehlt, landet Emanzipation schnell im Gefängnis. Wie in der Türkei, wo die politischen – im Gegensatz zu anderen – Häftlingen dem Corona-Virus schutzlos ausgesetzt werden. Das ist die Wiedereinführung der Todesstrafe auf einer – leider tödlichen – Metaebene.

SARS-CoV-2 ist völlig unpolitisch. Die Pandemie offenbart allerdings das ganze Ausmaß neoliberaler Ausbeutungs- und Todespolitiken: das beschämende Resultat jahrzehntelanger Privatisierung und Prekarisierung des öffentlichen Feldes (Kultur, Gesundheit, Pflege, Bildung …) und das unerträgliche Einvernehmen darüber, dass Leben und Tod von einigen Menschen – Wanderarbeiter*innen, Geflüchteten, Pflegeheiminsassen, Wohnungslosen, ethnischen Minderheiten … nicht zählen. Auf den Trümmern dieses Systems, die wir zur Zeit in aller Deutlichkeit erkennen können, da das ganze Tamtam, das es so attraktiv hat aussehen lassen, nach Hause geschickt wurde, soll nun die „neue Normalität“ entstehen. Die politische Verordnung dieser „neuen Normalität“ mischt sich bereits gewaltig in die Kunst ein.
Es scheint höchste Zeit, nach den verschütteten Momenten in der Geschichte zu forschen, in denen die Pandemie des Neoliberalismus hätte verhindert werden können, und uns vorzustellen, in welcher Welt wir leben könnten.


R&S: Einer der vergangenen, liegengebliebenen Momente der Emanzipation kann in der politischen Entwicklung in Ungarn in den zweiten freien Wahlen 1994 gesehen werden, als die Opposition – der heute nicht mehr existierende Bund Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetség) - mit dem Nachfolger der ehemaligen Staatspartei (MSZP) eine Koalition einging, in dem Glauben, dass sie damit das Erstarken der konservativen Kräfte (Fidesz) aufhalten könnte. Dies gelang ihr auch für eine Legislaturperiode. Doch für weiter folgende verhinderten sie eine Bildung neuer, innovativer linker Kräfte in Ungarn, da sie mit ihrem Schritt fatalerweise sich mit dem Erbe der, den Volksaufstand 1956 blutig niedergeschlagenen stalinistischen Staatsmacht vermischten..

Von der Kunst der weichen Diktatur des Gulaschkommunismus erinnern wir uns heute fast nur noch an die ehemals offiziell nicht geförderten underground Tendenzen (vornehmlich neoavandgarde und konzeptionelle Positionen). Vermutlich wird in 20 Jahren eine vergleichbare Situation herrschen, in der die unabhängigen Künstler der gegenwärtige Kulturlandschaft der harten Demokratie der gulaschnationalistischen Fidesz die Basis des zukünftigen Kanons bilden werden..

Vielleicht ist der einzige Grund, der in der ungarischen Situation Hoffnung machen könnte, die Annahme, dass die in der Misswirtschaft sozialisierte osteuropäische Bevölkerung die Herausforderungen der „neuen Normalität“ des 21. Jd. mit größeren Chancen bewältigen könne als ihre parallelen westlichen Wohlstandsgesellschaften.