Runde 3: Marlene Streeruwitz und Stefan Heidenreich

MS: Wenn von Kunst und Demokratie gesprochen wird, wie das bisher der Fall war, dann wird das Wort "Kunst" etwa in der Art verwendet, wie die Schlagzeilen in diesen Tagen lauten. "Coronavirus spreads and Japan falls into rezession" heißt es zum Beispiel im Guardian. Den Nomen wird ein Agens zugeschrieben, und damit das Menschengemachte des gemeinten Vorgangs in eine Naturhaftigkeit umgeschrieben. Solche Wortwahl ist der erste Schritt jeder Verschwörungstheorie. Ja, Verschwörungstheorien werden auf diese Weise von den Gegnern von Verschwörungstheorien gemütlich erhalten und ermöglicht.
Ein Verständnis von Kunst, das Politisches von ihr verlangt und womöglich Demokratisches ist dann auch nur eine der Verschwörungstheorien, denen wir ausgesetzt sind oder werden. Kunst, als bildende Kunst war immer ein Abbild der Machtverhältnisse. Diese Abbildung war die Aufgabe der Kunst und sorgsam bewacht.
Heute. Ich möchte nicht von Kunst als diesem antimetaphysischen Rettungskonzept sprechen. Ich würde gern Werke statt Kunst einsetzen und dann noch einmal Texte. Nennen wir es künstlerische Texte aller Art, um zu wissen, wovon wir sprechen. Damit ließe sich die vorhandene Vielfalt und die Unvergleichlichkeit der Äußerungen für mich einfangen. Und. Kein Text ist Politik.  Jeder Text hat politische Wirkung. Es geht um die Auseinandersetzung mit den Texten. Da wiederum stehen einander die beiden heutigen Möglichkeiten frontal gegenüber. Weiterhin geht es um Vormoderne und Moderne. Weiterhin geht es um die Entscheidung, welche Personenkonstruktion politisch-staatlich möglich ist. Es geht um das demokratische Verantwortungssubjekt gegen den, durch Geburt in Zugehörigkeit, Geschlecht und soziale Bewegungsmöglichkeit definierten Menschen nationalistischen Zuschnitts. Das ist eine Gegnerschaft, die nie friedlich geheilt war oder auch nur säkularisiert hätte werden können.
Diese Kampflinie entlang war eine Quasimoderne möglich, deren Texte jedoch nie den Minderheiten Platz gemacht hat. Feministischerweise oder queererweise oder postcolonialerweise waren Texte immer nur als Ausnahmen möglich und wurden auch so punziert.
Für jetzt. Als Frau. In unserer Kultur wurde mir jener Raum der Innenwelt nicht einmal zugedacht, in dem eine Person über ihren Körper verfügt und damit eine Selbstregierung beginnen kann. In den USA geht es im Angriff gegen Wade v. Roe um die Tilgung ebendieses Raums der Selbstbestimmung. Mit den Quarantänemaßnahmne 2020 hat eine solche Tilgung für alle stattgefunden. Die innere Welt der Person wurde in staatliche Obhut genommen. Das Private zumindest teilverstaatlicht. Die Komplexität dieses Vorgangs kann wiederum nur in der Verdichtung in künstlerischen Texten aller Art berichtet werden. In dieser Verdichtung der Bedeutung ist der künstlerische Text aller Art jeder wissenschaftlichen Beschreibung überlegen. Der umfassende Bericht. Das ist die Aufgabe jetzt.


SH: Ist es nicht so, dass ein Werk ungelesen und ungesehen nichts wird? Es ist dann zwar da, aber es wird eben nichts draus. Wie der Virus, der ohne Körper nicht weiter kommt.

In der Romantik hatte sich herumgesprochen, dass das Lesen und Sehen am Werk mitschafft. Die Moderne hat dagegen erst Markt und Fortschritt gesetzt, dann wurde daraus eine Hochkultur mit Erziehungsprogramm und heute ein Elite- und Expertenkult mit angeschlossener Kunstvermittlung. Das entspricht sehr wohl den Machtverhältnissen, aber denen von gestern. Die Forderung nach mehr Demokratie in der Kunst richtet sich gegen die aristokratischen und paternalistischen Reste, die die Moderne im Kunstmarkt erhalten und in den Kultur-Institutionen gepflegt hat.

Das einzelne Werk steht auf einem anderen Blatt. Was aus den Werken wird, ist dagegen eine politische Frage und führt zu den Machtverhältnissen zurück, und also zur Demokratie. Dabei geht es heute gar nicht mehr um die Frage, ob das Lesen und Sehen anteiliger, „demokratischer‟ wird. Was das betrifft, haben das Netz und die sozialen Medien längst Tatsachen geschaffen, und zwar wie immer nicht nur schöne, sondern auch hässliche.

In der heutigen Lage stellt sich nur noch die Frage, ob die Kunst, um sie einmal mehr als Agens anzureden, zum Kultur-Dinosaurier mutiert und sich weiter in ihre Tempelhöhle verkriecht, oder ob es ihr gelingt, herauszukommen und am Leben teil zu haben und mit den Leuten gemeinsame Sachen zu machen (um nicht zu sagen: sich mit ihnen zu verschwören). Ob demokratische Verfahren dabei der beste Weg sind, weiß ich nicht. Es zu versuchen wäre eine Aufgabe.


MS: Manchmal bin ich nicht sicher, ob ein Werk gesehen sein muß. Ich verstecke manche Texte und das ist deren Sinn. Aber das beschreibt nur die unbeschreibliche Menge der Möglichkeiten, wenn es um Befreiung geht. Sollten wir darüber reden? Wie das geht. Befreiung. Von Freiheit wissen wir hier nichts. Das kann ich für die österreichische Kultur feststellen. Wenn ich mich nun in einem Text einer Befreitheit annähere, dann kann ich davon ausgehen, daß diese Bewegung zu lesen ist. Der Leser oder die Leserin kann dieser Bewegung nachgehen. Jedenfalls könnten wir auf den Weg zum Demokratischen kommen, ohne schon ein Ziel definiert haben zu müssen. Jede Person muß da doch einen anderen Weg gehen, weil sie eine andere Biographie haben wird.